Quantensensorik ist längst nicht mehr nur ein Thema für Forschungslabore. In der Medizin hat sie inzwischen einen klaren Praxisbezug: Einige Anwendungen sind bereits im Einsatz, andere laufen in klinischen Pilotprojekten, und ein Teil wartet noch auf die technische und regulatorische Reife, die aus einer genialen Messidee ein verlässliches Medizingerät macht. Der gemeinsame Nenner ist die Empfindlichkeit – Quantensensoren können extrem schwache magnetische oder optische Signale erfassen, die herkömmliche Instrumente oft nur mit grossem Aufwand oder gar nicht sauber abbilden.
Der sichtbarste Bereich mit unmittelbarem Nutzen ist die Magnetoenzephalographie (MEG) mit optisch gepumpten Magnetometern. Klassische MEG-Systeme nutzen supraleitende Sensoren (SQUIDs), die kryogene Kühlung brauchen. Das macht die Geräte schwer, teuer im Betrieb und setzt die Sensoren physisch weiter vom Kopf entfernt. OPM-Systeme arbeiten bei oder nahe Raumtemperatur und lassen sich als tragbare Arrays anbringen, die näher an der Kopfhaut sitzen – das verbessert die Signalqualität und macht Messungen mit etwas mehr Bewegungstoleranz realistischer.
Im Jahr 2026 gilt OPM-MEG als wichtiger Schritt zu zugänglicheren neuromagnetischen Messungen – besonders bei Patientengruppen, die mit starren Setups Probleme haben, etwa Kinder oder Personen, die nicht völlig ruhig bleiben können. Der praktische Wert besteht nicht darin, andere Bildgebung „zu ersetzen“, sondern funktionelle Diagnostik zu ergänzen: Fokuslokalisation bei Epilepsie, Unterstützung der präoperativen Planung und das Verfolgen von Hirnreaktionen während Aufgaben – als Ergänzung zu EEG und struktureller Bildgebung.
Für Kliniken zählt am Ende die Zuverlässigkeit im Ablauf: Abschirmung, Kalibrierung, Wiederholbarkeit und die Integration in bestehende neurodiagnostische Pfade. Die stärksten Zentren behandeln OPM-MEG daher als Weiterentwicklung der MEG: sinnvoll, wenn zeitliche Dynamik und Lokalisation neuronaler Aktivität die klinische Kernfrage sind – weniger relevant, wenn primär Strukturdiagnostik gefragt ist.
Am klarsten ist der Nutzen in Epilepsie-Abklärungen. MEG wird in spezialisierten Zentren genutzt, um epileptiforme Aktivität zu lokalisieren und Entscheidungen zur Operation zu unterstützen. OPM-Systeme zielen darauf ab, vergleichbare Resultate mit potenziell besserem Komfort und mehr Flexibilität zu liefern. Praktisch bedeutet das: verwertbare Daten auch bei Patientinnen und Patienten, die mit starren Bedingungen schwer zurechtkommen, sowie die Chance auf längere oder wiederholte Messungen für Verlaufskontrollen.
Ein weiterer Treiber ist die Pädiatrie und Entwicklungsneurologie. Tragbare Sensoranordnungen erleichtern Messungen, die mit einem festen „Helm-Setup“ und strengen „nicht bewegen“-Vorgaben kaum gelingen. Für Kliniken ist das nicht nur eine Komfortfrage: Es erhöht die Wahrscheinlichkeit, Daten unter realen Bedingungen zu erhalten – und verringert die Lücke zwischen Forschung und klinischem Alltag.
Zudem wächst das Interesse an Therapie-Monitoring und Neurorehabilitation: etwa zu verfolgen, wie sich Netzwerke unter Therapie, Stimulation oder Training verändern. Das ist noch nicht überall Standard, aber als Anwendungsfall plausibel, weil es zu den Stärken der MEG passt: funktionelle Dynamik im Millisekundenbereich messen und Muster über mehrere Sitzungen vergleichen.
Wenn die Geschichte beim Gehirn eher „Spezialdiagnostik mit wachsender Reichweite“ ist, dann lautet sie beim Herzen „früh, aber sehr spannend“. Das Herz erzeugt nicht nur elektrische, sondern auch magnetische Felder. Ein EKG ist für viele Fragen hervorragend, doch magnetische Messungen können eine andere Perspektive liefern – insbesondere, wenn elektrische Ableitungen uneindeutig sind oder eine räumliche Abbildung von Aktivitätsmustern zusätzlichen Wert hat.
Hier stehen vor allem zwei Sensorfamilien im Fokus: optisch gepumpte Magnetometer (wie bei MEG) und Diamant-Sensoren mit NV-Zentren. NV-Zentren sind Defekte im Diamantgitter, deren Quantenzustand sich mit Magnetfeldern verändert. Mit geeigneter Optik und Mikrowellenanregung lässt sich daraus ein sehr empfindlicher Magnetometer-Readout in kompakter Bauform gewinnen.
Für 2026 ist es fair, quantenbasierte Magnetokardiographie (MCG) als „klinischen Kandidaten in Entwicklung“ zu betrachten, nicht als Routineverfahren. Es gibt ernsthafte technische Demonstrationen und Pilotmessungen, auch mit industrieller Entwicklung. Der Weg zur breiten Praxis führt jedoch über Standardisierung von Protokollen, den Nachweis des Zusatznutzens gegenüber EKG plus Bildgebung und über Systeme, die auch ausserhalb idealer Laborbedingungen stabil funktionieren.
Die wahrscheinlichste klinische Nische ist gezielt – nicht universell. MCG ist am ehesten als Zusatzmessung sinnvoll, wenn Timing und räumliche Muster der kardialen Aktivierung entscheidend sind, statt als Ersatz fürs EKG. Dazu zählen beispielsweise komplexe Arrhythmien, Fragestellungen zur Therapieplanung oder Situationen, in denen ein zusätzliches Signal ohne invasive Katheter hilfreich sein könnte.
Eine zweite, realistische Richtung ist das Monitoring am Bett in spezialisierten Umgebungen. Quantensensoren sind attraktiv, wenn sie hohe Sensitivität bei überschaubarem Wartungsaufwand bieten. Wenn Systeme kompakt, störrobust und sicher in einer „vollen“ Klinikumgebung betrieben werden können, könnten sie wiederholte oder kontinuierliche Messungen bei Hochrisikopatienten unterstützen – vorausgesetzt, klinische Studien zeigen, dass die Zusatzinformation tatsächlich Entscheidungen oder Outcomes verändert.
Auch periphere Anwendungen sind interessant, etwa bei sehr schwachen magnetischen Signalen aus Muskel- oder Nervenaktivität. Technologisch ist das nahe verwandt, klinisch folgt es derselben Logik: Es lohnt sich dort, wo elektrische Sensoren, Ultraschall oder Standardbildgebung die Kernfrage nicht sauber beantworten.

Nicht jede medizinische Quantensensorik dreht sich um Biomagnetismus. Ein Teil der praktischsten Anwendungen liegt heute in Labor- und bildgebungsnahen Workflows. „Quantum“ bedeutet hier oft: bessere Sensitivität bei niedrigen Signalstärken – nützlich, um Belastungen zu senken, Kontraste zu verbessern oder Mikro-Umgebungen zu messen, die mit klassischen Methoden schwer zugänglich sind.
Ein konkretes Beispiel sind Nanodiamant-Sonden in der biomedizinischen Forschung. NV-Zentren in Nanodiamanten können als winzige Messfühler dienen, die Magnetfelder, Temperatur oder lokale Bedingungen auf mikroskopischer Skala erfassen. Im Jahr 2026 ist das häufiger ein Forschungs- und Translational-Werkzeug als ein Standardtest, aber sehr praktisch in dem Sinne, dass Labore damit Zellumgebungen, Arzneiwirkungen oder mikrothermische Effekte untersuchen können, die für Krankheitsmechanismen relevant sind.
In der Bildgebung werden quantenoptische Methoden – etwa Ansätze mit gequetschtem Licht und andere quantenverstärkte Messungen – genutzt, um das Signal-Rausch-Verhältnis bei geringerer Beleuchtung zu verbessern. Der medizinische Nutzen liegt in Sicherheit und Qualität: klarere Bilder bei niedrigerer Lichtbelastung empfindlicher Gewebe oder mehr Sensitivität in optischen Verfahren. Der ehrliche Stand ist gemischt: Vieles ist in kontrollierten Demonstrationen stark, breite klinische Nutzung hängt jedoch von Robustheit, Kosten und Wartbarkeit ab.
Für Kliniken ist „praktisch“ weniger eine Schlagzeile als eine durchgängige Kette von Messung zu Entscheidung. Ein Quantensensor wird klinisch relevant, wenn er reproduzierbare Ergebnisse liefert, klare Interpretationsregeln oder Referenzbereiche hat und sich in bestehende Abläufe einfügt. Dazu gehören Alltagsthemen: Kalibrierung, Qualitätskontrolle, Schulung und Kompatibilität mit anderer Medizintechnik.
Die Evidenz muss konkret sein. Die besten Studien vergleichen quantenbasierte Messungen mit heutigen Standards in realen Patientenkohorten – nicht nur mit Idealwerten aus dem Labor. Bei neuromagnetischen Anwendungen heisst das: stabile Lokalisation und Test-Retest-Zuverlässigkeit. Bei kardialen oder Labor-Anwendungen bedeutet es, dass nachweisbar Diagnosen, Therapieplanung oder Monitoring-Entscheidungen verbessert werden – und zwar konsistent.
Schliesslich müssen Grenzen offen benannt werden. Biomagnetische Systeme benötigen oft gute Kontrolle von Magnetrauschen; tragbare Designs können Bewegungsartefakte einführen; und fortgeschrittene optische Methoden reagieren empfindlich auf Ausrichtung, Temperaturdrift und Komponentenalterung. 2026 ist daher eine nüchterne, optimistische Haltung sinnvoll: In einigen spezialisierten Kontexten sind Quantensensoren bereits praktisch nützlich – der nächste Schritt ist vor allem zuverlässiges Engineering und klinische Integration dessen, was physikalisch schon funktioniert.